Miriam Wohlfahrt (sie/ihr)

Wenn es uns gelingt, Diversität wirklich zu leben, können wir alles schaffen!
Wer bist du und was machst du?

Ich bin Gründerin des Zahlungsdienstleisters Ratepay, Mitgründerin von Banxware – einem Fintech Startup für digitale Sofortfinanzierungen in Plattformen – und Mutter einer 18-jährigen Tochter. Zudem bin ich u.a. Aufsichtsrätin bei der Mercedes Benz Mobility AG, der talentsconnect AG und der Freenet AG, Gesellschafterin bei Payment & Banking und Startup Teens und Supporterin der Hacker School.

Was bedeutet Diversität für dich?

Wenn es uns gelingt, Diversität wirklich zu leben, können wir alles schaffen! Diversität für mich ist aber viel mehr als Geschlecht, Herkunft und alle weiteren Aspekte. Ich glaube einfach, dass es extrem wichtig ist, Menschen mit sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten und Motivationen zusammenzubringen. Häufig ist es ja genau das Zusammenspiel dieser Vielfalt, das zu besseren Entscheidungen führt. Wenn ich nur weiße Studenten der Business School WHU in Vallendar einstelle, ist die Wahrscheinlichkeit deutlich höher, dass alle ein sehr ähnliches Weltbild mitbringen. Entscheidungen werden dadurch weniger diskutiert und in Frage gestellt – was Innovationen und neuen Prozessen im Wege stehen kann. An sich liegt der Wert von Diversity ja auf der Hand: Menschen sind unterschiedlich. Wenn man also ein Produkt oder eine Dienstleistung entwickeln will, muss man diese Vielfalt bestmöglich berücksichtigen. Doch Vielfalt hilft nicht nur bei der Kundengewinnung, sondern auch im Unternehmensalltag. Komplementäre Skills oder Arbeitspräferenzen von introvertierten versus extrovertierten Persönlichkeiten sind für mich zum Beispiel ein wichtiger Aspekt.

Wenn du in die Zukunft blickst, was sind die wichtigsten Veränderungen, die du dir für die nächsten Generationen in Deutschland am meisten wünschst?

Es hat mich immer verrückt gemacht, dass meine Tochter in der Schule immer noch die gleichen Themen im Unterricht behandelt wie ich als Kind. Aus meiner Sicht ist der Unterrichtsstoff einfach nicht der Zeit angepasst und vermittelt nicht die zentralen Zukunftskompetenzen. Weder lernst du Programmieren noch Kommunikation, Präsentation oder den Umgang mit Daten und Medien. Dieser Mangel an Praxisbezogenheit, haben mich früh dazu bewegt, selbst bei den Startup Teens und der Berlin Hacker School aktiv zu werden. Trotzdem ist es wichtig, dass die Schulen diese Verantwortung übernehmen. Denn dadurch, dass es bei privaten Initiativen oft die Eltern sind, die dafür sorgen, dass ihre Kinder zusätzliche Schlüsselqualifikationen erhalten, geht die Schere in Bezug auf Chancengerechtigkeit weiter auf.

Welche Tipps gibst du Unternehmer*innen und Führungskräften zum Recruiting von diversen Teams?

Gerade junge Unternehmer*innen rekrutieren anfangs häufig über ihr Netzwerk. Aber häufig sind in meinem Netzwerk relativ viele mir ähnliche Menschen. Daher sollte man von Anfang an in das Recruiting aus anderen Netzwerken investieren und bestenfalls schon früh Diversitäts-Kriterien fürs Recruiting einführen. Natürlich muss man dazu raus aus der eigenen Komfortzone, aber das ist es wert! Zudem sind Rollenvorbilder und vielfältige Repräsentanz erfolgskritisch: Bei Ratepay hatten wir zum Beispiel allein durch mich als weibliche Gründerin eine höhere Bewerbungsquote von Frauen. Ähnlich verhält es sich natürlich auch mit anderen Diversitätsaspekten. Grundsätzlich achte ich sehr stark darauf, bei gleichen Qualifikationen Personengruppen einzustellen, die noch zu wenig im Team repräsentiert sind. Im FinTech sind das meist Frauen oder Menschen mit unterschiedlichen akademischen und auch nicht-akademischen Hintergründen. In der heutigen Zeit, wo sich Wissen so schnell ändert, sind Soft Skills meistens mehr wert als gute Zeugnisse, aber auch das muss erstmal im allgemeinen Recruiting ankommen. Der/Die Technische Leiter:in muss nicht IT studiert haben, ganz im Gegenteil!

Was ist für eine inklusive Kultur wichtig?

Eine klare Definition von gemeinsamen Werten als Leitplanken der Zusammenarbeit, Sensibilisierung der Führungskräfte, aber auch des gesamten Teams für kulturelle Unterschiede sowie klare Feedbackregeln sind die Basis für unsere Zusammenarbeit.

Dennoch ist es selbstverständlich jeden Tag wieder eine Herausforderung, insbesondere, da heute ja auch viel remote passiert und es daher oft schwieriger ist, Menschen zu lesen.

Was würdest du Gründer*innen heute raten?

Frauen tendieren durch ihre Sozialisierung einfach dazu, das Augenmerk auf ihre Fehler statt auf ihre Stärken zu legen. Es geht ja niemals darum, dass man alles können muss, sondern vor allem zu wissen, was wir können, und was wir nicht können. Ich habe auch ein FinTech gegründet, obwohl ich nie gut in Finanzmathematik oder Excel war. Deshalb habe ich mir dann eine Team-Ergänzung gesucht, die das sehr gut gemacht hat. Mit einem vielfältigen und komplementären Team kann man immer Hochleistung erreichen, alleine nicht.

Wer Angst vorm Gründen hat, der kann ich nur empfehlen, die Angst sehr klar zu konkretisieren: Wovor genau habe ich denn eigentlich Angst? Zu scheitern? Finanzielle Ausfälle etc.? Auf diese Weise kann man der Angst besser begegnen. Zudem würde ich allen Gründer*innen raten, möglichst früh zu gründen. Je jünger man ist, desto weniger Ängste hat man. Aber natürlich ist es nie zu spät zum Gründen, manche der erfolgreichsten Gründerin*innen haben sehr spät gegründet.

Welche Veränderungen wünschst du dir noch für Deutschland?

Neben einer kompletten Reform des Bildungssystems? Ich wünsche mir, dass wir nicht mehr über die Gender Pay Gap und die Gender Care Gap reden müssen, dass Gleichberechtigung natürlich entsteht, ohne dass wir ständig darüber diskutieren müssen. Ich wünsche mir, dass wir keine Frauennetzwerke mehr brauchen, weil einfach allen klar ist, dass Gleichberechtigung wichtig ist. Ich wünsche mir für die Wirtschaft, dass Kultur und Führung so gedacht werden, dass mehr Menschen echten Spaß an ihrer Arbeit haben und so ihr Potential voll entfalten können. Natürlich wünsche ich mir auch, dass Unternehmen nachhaltiger wirtschaften und auch dieses Thema „normal” wird, da wir nur eine Welt haben. Deshalb ist natürlich neben der Nachhaltigkeit vor allem auch zuletzt Frieden der wichtigste Wunsch und die Grundlage für die Realisierung aller anderen Wünsche.

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