Dr. Iréne Y. Kilubi

Für mich bedeutet Vielfalt auch, die jeweilige Lebenssituation der Person zu berücksichtigen, den fachlichen Background, die Expertisen und die Skills zu betrachten. Diversity heißt für mich also eigentlich: die Individualität des Menschen zusammenzubringen.
Liebe Iréne, was ist dein Elevator Pitch, wenn du dich vorstellst?

Ich bin Unternehmerin, Beirätin, Hochschuldozentin, Moderatorin, Speakerin und sehr vielfältig unterwegs, aber habe zwei Herzensthemen. Einmal meine Agentur brandPreneurs & brandFluencers: Hier haben wir uns auf die Fahne geschrieben, Mitarbeitende zu Marken- und Wertebotschafte*rinnen von Unternehmen zu machen.

Und dann habe ich vor knapp drei Jahren die Social-Impact-Initiative JOINT GENERATIONS ins Leben gerufen. Unser Credo ist Programm: Zukunft ist jung UND alt. Wir bauen also analoge und digitale Brücken zwischen den Generationen für eine bessere Zusammenarbeit.

Was würdest du sofort ändern, wenn du könntest?

Keine Altersdiskriminierung mehr – in beide Richtungen – kein Ageism und kein Adultismus. Und Bildungsgerechtigkeit. Jeder Mensch soll und muss Zugang zu Bildung haben.

Was bedeutet Diversität für dich persönlich? Was ist deine Definition von Diversity?

Grundsätzlich wird Diversität in sieben Dimensionen beschrieben: Alter, Geschlecht, Soziale Herkunft, Religion, ethnischer Background, körperliche und psychische Beeinträchtigung und sexuelle Identität. Für mich ist Vielfalt aber noch mehr: Es geht auch darum, die jeweilige Lebenssituation der Person zu berücksichtigen, den fachlichen Background, die Expertisen und die Skills zu betrachten. Diversity heißt für mich also eigentlich: die Individualität einzelner Menschen zusammenzubringen.

Erinnerst du dich daran, als du das erste Mal ganz bewusst in Berührung mit dem Begriff Diversität gekommen bist? Gab es den einen Moment, der dir klar gemacht hat: Ich muss meine Stimme erheben?

Wenn ich den Aspekt Gender-Diversity herauspicke, hatte ich, während ich aufgewachsen bin, nie das Gefühl, dass ich aufgrund dessen, dass ich eine Frau bin, anders behandelt werde. Bei meiner Hautfarbe wiederum war das anders, da habe ich das schon gespürt.

Vielleicht liegt das auch daran, dass eine alleinerziehende Mutter hatte. Sie hat uns Jungs und Mädels gleichbehandelt. Mein Bruder hat eine Frauenfußball-Mannschaft trainiert, zwei meiner besten Freundinnen haben Fußball gespielt, und wir waren immer sehr technikaffin. Tatsächlich hat sich das aber alles geändert, als ich ins Berufsleben eingetreten bin. Da wurde plötzlich immer alles kommentiert: „Als Frau sollte man es so machen“, oder „Als Frau verdienst du ja wirklich gut.“

Als ich damals in der Automobilbranche gestartet bin, gab es im technischen Bereich kaum Frauen, ich war die absolute Exotin. Ein Kollege sagte damals zu mir: „Du siehst ja auch noch aus wie eine Frau!“ Mein Style ist halt auch pink-roter Lippenstift, die Haare gemacht und Kostüm. Da wurde ich oft für die Teamassistentin gehalten. Mir ist es damals wie Schuppen von den Augen gefallen, und ich habe immer öfter festgestellt, in welchen Situationen ich diese ungleiche Behandlung bislang einfach hingenommen hatte. Früher war ich tatsächlich naiv was das anbelangt.

Du setzt dich seit drei Jahren mit JointGenerations dafür ein, dass Menschen über Generationen hinweg gut und konstruktiv miteinander arbeiten können - Was machst du konkret und: Warum ist das so wichtig?

Wir leisten klassische Aufklärungsarbeit im Sinne von Seminaren, Webinaren, Artikeln und Vorträgen. Daneben leisten wir auch Gremienarbeit und beraten im Wirtschaftsbereich. Außerdem haben wir die „Reverse Mentoring App“ entwickelt, bei der wir das klassische Mentoring umdrehen: Junge Menschen sind Mentoren für erfahrene Menschen. Es liegt dabei also immer eine Generation zwischen beiden Beteiligten. Ich war schon immer in Innovativen Bereichen unterwegs und ich bin felsenfest davon überzeugt, dass altersgemischte Teams die Innovationsfähigkeit eines Landes sichern können. Wir treiben wir hier viel voran und wollen das noch weiter ausbauen. Zum Beispiel hinsichtlich Kooperation mit Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen.

Was sind denn die Barrieren?

Zuallererst sind ältere Mitarbeitende teurer. Ich glaube nicht, dass man ihnen grundsätzlich Kompetenz abspricht, es sei denn: es geht um Digitalisierung. Man traut älteren Menschen Technologie oft nicht zu. Und das ist sehr schade, denn damit geht so viel Potenzial verloren. Gerade dieses Erfahrungswissen, das nur über einen längeren Zeitraum entsteht. Es geht nicht nur um die Innenperspektive, also dass sich ältere Mitarbeitende gesehen und gehört fühlen, sondern auch die Perspektive nach draußen. Wir leben in einer Silver Economy. Die ältere Generation hat die Kaufkraft und der demografische Wandel schlägt um sich. Wir sind eine alternde Gesellschaft, und wenn wir diese Perspektiven nicht miteinbeziehen, entwickeln wir einfach am Markt vorbei.

Du bist auch Mitglied des Advisory Board der Miss Germany. Miss Germany hat sich in den vergangenen Jahren neu definiert. Was genau hat sich verändert und: Wie sichert ihr, dass Diversität hier nicht nur Augenwischerei ist, sondern nachhaltig zum Kern wird?

Mich hat gereizt, dass das Format einen vollkommenen Wandel von innen heraus vollzieht. Mit Max Klemmers Übernahme sind die Kriterien nun andere, die kommunikative Ansprache ändert sich. Bis vor Kurzem gab es zum Beispiel noch eine Altersbeschränkung, und die wurde auf unser Anraten fallengelassen. Die meinen das ernst. Sie machen sich richtig Gedanken. Das Credo lautet nun: Wir wollen Frauen die Verantwortung übernehmen sichtbar machen. Es geht um Intellekt, um Frauen, die Sinnstiftendes bewegen wollen.

Warum brauchen so ein Format denn überhaupt?

Seien wir mal ehrlich: Wenn wir heute über den Begriff Feminismus sprechen, der nach wie vor negativ konnotiert ist, ist der Bedarf doch schon klar. Selbst ich musste lernen, was Feminismus eigentlich bedeutet: Nichts anderes nämlich, als dass man sich für Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau einsetzt. Dafür sollte sich doch jede Person stark machen. Solche Formate wie die neue Miss Germany tragen die Rechnung. Wir müssen die Themen treiben und Frauen sichtbar machen, die für eine gerechtere Zukunft einstehen und das auch in den Medien aufzeigen, eine mediale Hülle aufbauen. Medien tragen so viel dazu bei, welches Frauenbild wir haben und uns prägt.

Was können wir alle tun, um im Alltag inklusiver zu agieren?

Spannende Frage, denn wir diskutieren das Thema Diversität viel zu oft ausschließlich auf Organisations- und Führungsebene. Aber wenn man sich mal rausbewegt aus der Blase, in den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist zum Beispiel, stellt man fest: Das Thema Diversität ist bei Vielen nicht angekommen, sondern das Gegenteil ist der Fall. Oft aus Unwissenheit und zu wenig Berührungspunkten. Es geht also darum, sich zu informieren, ins Gespräch zu kommen mit Menschen um mich herum, die anders sind als ich. Vorurteile können nur abgebaut werden, indem ich selbst mit Menschen spreche. Es gilt Miteinander statt übereinander reden. Und: Zivilcourage zeigen! Wenn ich merke, hier stimmt etwas nicht, hier ist etwas nicht in Ordnung: Den Mund aufmachen.

Warum engagierst du dich für MoreDiversity?

Für mich ist Diversity ein No Brainer. Dass wir immer noch hier sitzen müssen und darüber sprechen, im 21. Jahrhundert, zeigt: Wir sind immer noch meilenweit vom Ziel entfernt. Dabei ist es doch so offensichtlich: Jeder von uns trägt Diversitätsdimensionen in sich, die auch zu Benachteiligung führen können. Wir alle sind unterschiedlich! Sich deswegen in die Quere zu kommen ist doch total widersprüchlich. Wir alle wollen das Gleich erreichen, egal ob man zwei oder drei Finger hat, dunkelhäutig oder blond, Mann oder Frau ist. Es ist Zeit für einen Wandel, mehr denn je!

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